08.12.2016

Rede anlässlich der Eröfnung des Kongresses "Vision Kino 16: Film - Kompetenz - Bildung" am 8.12.2016

Sehr geehrte Frau Duve,
Herr Völkert,
Herr Elwardt,
Frau Jones,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

herzlich willkommen zum diesjährigen Kongress „VISION KINO 16: Film – Kompetenz – Bildung“ in Erfurt, am Sitz des KIKA, der im kommenden Jahr sein 20-jähriges Jubiläum begeht. Ich freue mich, alle Partner dieses großen Netzwerkes, die die Filmbildung in unserem Land voranbringen wollen, in Thüringen zu begrüßen. Ich bin sicher, dass wir alle, die an diesem Kongress teilnehmen, von der überragenden Bedeutung der Filmbildung und Medienerziehung als unverzichtbarer Teil allgemeiner Bildung überzeugt sind. Kein „nice to have“, sondern ein „must“, eine unbestrittene Notwendigkeit. In ebendiesem Sinne plädiert die Wochenzeitung „Die Zeit“ in einem Artikel[1] schon Anfang der 50-er Jahre.

Dort heißt es zum Beispiel, dass die Jugend eine brennende Leidenschaft für den Film habe, weil er Fernes, Fremdes, Verborgenes enthülle. Da den Jugendlichen jedoch ‚alle Erfahrungen fehlen, Sein und Schein zu unterscheiden, verließen sie das Kino mit der felsenfesten Überzeugung: So lebe ein Forscher, so saufe ein Künstler, so gemein arbeiten die Gerichte, so dumm sei die Polizei!` Obwohl in den Filmen überwiegend ‚billige Erotik, seichte Romantik, frivole Enthüllung, Halbwelt, Gangster, Kitschhelden‘ gezeigt würden, möchte der Journalist das Kino nicht als Stätte der Demoralisierung diffamieren. Er setzt vielmehr auf den gehaltvollen Film, der ‚die Sicht auf das Menschliche kläre, edle Motive fördere und positive Leitbilder zur Entfaltung bringe‘.

Schlussendlich fordert er die Eltern auf, sich zu entschließen, „dann und wann mit ihren Kindern gemeinsam in einen Film zu gehen. Daraus ergeben sich viele fruchtbare erzieherische Möglichkeiten. Schon das gemeinsame Erlebnis bindet. Ein reicher Stoff zu klärendem und bildendem Gespräch tut sich auf. Von entscheidender Bedeutung ist auch der Lehrer, der sich um die Filmerlebnisse seiner Schüler kümmert. Macht die Schule endlich Ernst damit, den Film nach der inhaltlichen und künstlerischen Seite aufzuschließen, dann werden sich auch allmählich bei der Jugend Gesichtspunkte und Maßstäbe für Werte und Unwerte entwickeln. Nur das Auge sieht, das Sehen gelernt hat. Die Kultivierung des Filmgeschmacks ist das entscheidende Mittel, das Niveau der Produktion zu heben; denn der Film ist so gut und so schlecht wie sein Publikum.“

Soweit der Artikel der „Zeit“ aus dem Jahr 1952. Der Tenor kommt uns allen sicher bekannt vor. Dass das Thema Medienerziehung im Familien- und Schulalltag ganz oben stehen sollte, ist heute noch dringlicher als vor 65 Jahren. Auch die Fähigkeit, Filme und bewegte Bilder als Inszenierung von Realität zu verstehen, ist ein daueraktuelles Bildungsziel.

Gute Arbeit mit den Bildmedien setzt Wissen über diese Medien voraus. Nur wer mit dem Medium Film und seinen Grundgenres vertraut ist, wer Filme als Träger von Geschichte und Identität zu entschlüsseln weiß, wer Codes und Regeln der Filmsprache versteht, der kann sich bewusst werden, dass Filme unsere kognitiven und emotionalen Reaktionen steuern. Das eigene Ergriffenwerden zum Gegenstand persönlicher Reflexion zu machen, ist Voraussetzung dafür, den Gefahren manipulierter Weltsicht zu entgehen.

Als cinephiler Optimist möchte ich nicht einstimmen in alte und neue Klagen über zu wenige ambitionierte Filme, infantile Inhalte oder gleichgeschaltete Hollywood-Ästhetik, über die Trivialisierung der Filmkultur durch Miniaturformate wie iPads und Plattformen wie Youtube. Zugegeben: Durch unseren Alltag und vor allem durch den junger Menschen rauscht ein Bilderstrom, von dem nicht wenige befürchten: Er bediene zwar die Lust am Vergnügen, aber initiiere keine echten Bildungsprozesse.

Der französische Philosoph Bernard Stiegler prophezeit sogar eine global attention deficit disorder, eine sich epidemisch über den gesamten Erdball ausbreitende Aufmerksamkeitsdefizitstörung, die durch den ungehinderten Konsum medialer Massenkulturwaren ohne jeglichen Bildungsanspruch heraufziehe. Dieses düstere Szenario lässt sich nur mit Kant verhindern, indem wir dem unverändert geltenden Wahlspruch der Aufklärung Geltung verschaffen, den Mut zu haben, uns unseres Verstandes zu bedienen.

Genau dieses Anliegen verfolgt das Netzwerk VISION KINO. Es macht sich für eine möglichst komplexe und langfristige Auseinandersetzung mit dem Medium Film stark. Junge Menschen sollen die Erfahrung machen, dass der Umgang mit Film und Medien nicht nur Zerstreuung und Ablenkung verheißt, sondern auch Welterfahrung. In dem Bewusstsein, dass Medien selbst erzieherisch wirken, will das Netzwerk die kindliche und jugendliche Aufmerksamkeit auf anspruchsvolle Filme im und jenseits des Mainstreams lenken.

Vor diesem Hintergrund möchte ich allen Mitgliedern des Netzwerkes VISION KINO für Ihre intensiven Bemühungen danken, den Kinofilm als Kunstwerk und in seiner kunsthistorischen Entwicklung präsent zu halten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

dass unsere kulturellen Bedürfnisse sozialisationsbedingten Charakter haben, ist kein Geheimnis. Meine Liebe zum Film geht zurück bis in meine Kindheit, als ich 1985 die Gelegenheit hatte, beim Goldenen Spatz in Gera den Film „Isabel auf der Treppe“ zu sehen. Der Film, in dem es um das Verhältnis einer deutschen Familie zu ihren chilenischen Nachbarn geht, misst den in der DDR vielstrapazierten Begriff der Solidarität an der Praxis. Dieser Film ist eine der wenigen Produktionen der DEFA, die die Frage von Migration und Integration bearbeiten. Das Thema ist heute aktueller denn je und wird immer wieder neu interpretiert, wie jüngst in dem Film „Willkommen bei den Hartmanns“. Es steht zurecht auf der heutigen Tagesordnung.

Ich freue mich auf dieses und auf die weiteren Themen dieses Kongresses.

Ich wünsche Ihnen allen viel Erfolg bei Ihren Bemühungen, dem Film viele neue, insbesondere junge Kinogängerinnen und Kinogänger zu gewinnen.

 

[1] „Der Film lockt die Jugend. Verantwortung von Eltern und Erziehern“, Fritz Stückrath, Die Zeit, 17. April 1952