Die Kleine Anfrage betrifft teilweise Sachverhalte, die der Senat nicht aus eigener Kenntnis beantworten kann. Er ist gleichwohl bemüht, Ihnen eine Antwort auf Ihre Anfrage zukommen zu lassen. Die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) hat auf Nachfrage mitgeteilt, dass ihr keine entsprechenden Informationen vorliegen. Eine Abfrage bei allen Berliner Krankenhäusern hätte einen unverhältnismäßig hohen Verwaltungsaufwand verursacht und wäre zudem im Rahmen der für die Beantwortung einer Kleinen Anfrage zur Verfügung stehenden Zeit nicht realisierbar gewesen. Der Senat hat daher exemplarisch für die Berliner Krankenhäuser die Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH und die Charité – Universitätsmedizin Berlin um Stellungnahmen gebeten, die von dort in eigener Verantwortung erstellt und dem Senat übermittelt wurden. Sie sind in die Beantwortung eingeflossen.
1. Welche konkreten Maßnahmen hat der Berliner Senat unternommen zur interkulturellen
Öffnung der Kliniken
- bei der Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
- bei der Erhöhung des Anteils muttersprachlichen Fachpersonals?
(Bitte für die letzten fünf Jahre mit der jeweiligen finanziellen Höhe auflisten.)
Zu 1.:
Die interkulturelle Öffnung einer Einrichtung ist Teil der Qualitäts- und Organisationsentwicklung und damit grundsätzlich alleinige Angelegenheit der Einrichtung. Der Senat hat keine Möglichkeiten und Befugnisse, in die Organisationsentwicklung von Krankenhäusern einzugreifen und daher auch keine konkreten Maßnahmen z. B. in Bezug auf die Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchgeführt.
Das Berliner Partizipations- und Integrationsgesetz vom 15. Dezember 2010 trifft Regelungen zu Themenbereichen, die von den Fragestellungen erfasst sind. Bei Landesunternehmen wie der Vivantes GmbH hat das Land Berlin darauf hinzuwirken, dass die Ziele und Grundsätze dieses Gesetzes auch von diesen beachtet werden. Bezüglich der Umsetzung der Ziele dieses Gesetzes wurde eine Berichtspflicht des Senats gegenüber dem Abgeordnetenhaus erstmals zum 31. Dezember 2011 verankert, auf die insofern verwiesen wird.
Im Jahr 2007 hat die Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz mit mehreren anderen Partnern das mit EU-Mitteln geförderte Projekt ACTIVE HEALTH durchgeführt. Es hatte Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils von Schulabgängerinnen und Schulabgängern mit Migrationshintergrund in den Ausbildungsgängen für Gesundheitsfachberufe zum Ziel.
Zur Erreichung des Projektziels wurden vielfältige Maßnahmen und Aktionen durchgeführt; sie wendeten sich insbesondere an Personalverantwortliche und Schulträger, um sie für die Potenziale von Bewerberinnen und Bewerbern mit Migrationshintergrund zu sensibilisieren. Sie wendeten sich zudem an Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sowie deren Eltern, um sie auf die unterschiedlichen Berufe im Gesundheitswesen aufmerksam zu machen und sie für die Ausbildung in diesen Berufen zu motivieren. Neben einer Informationskampagne wurden auch Fachkonferenzen und Veranstaltungen zu interkulturellen Fragen (u. a. zu interkulturellem Profiling, Cultural Fair Tests) durchgeführt, an denen sich eine Vielzahl der Schulen des Gesundheitswesens beteiligt haben.
Der Berliner Integrationsbeauftragte führt die Kampagne Berlin braucht dich! durch, mit der Schülerinnen und Schüler aus Einwandererfamilien für eine Ausbildung im Berliner Öffentlichen Dienst oder in einem öffentlichen Unternehmen geworben werden. Unter den 46 an der Kampagne beteiligten Unternehmen befindet sich auch die Vivantes GmbH. Damit ist auch das Berufsfeld Gesundheits- und Pflegeberufe abgedeckt. Berlin braucht dich! wird aus Mitteln des Landes und der EU (ESF Land) finanziert.
Das ebenfalls vom Integrationsbeauftragten gesteuerte Berliner Netzwerk für Bleiberecht – bridge kooperiert gezielt mit Unternehmen zur Erhöhung des Anteils an Flüchtlingen und anderen Migrantinnen und Migranten am Gesamtpersonal größerer Unternehmen. Für den Gesundheitsbereich wurde seit 2006 ein Tandemmodell zwischen der Vivantes GmbH und dem Zentrum für Migrationsdienste bzfo-zfm entwickelt. Neben Fachunterricht, berufsspezifischer Sprachförderung und Praktika werden die potentiellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter individuell auf die Einstellung vorbereitet. Bei Bedarf werden die Jugendlichen nach einer Übernahme ausbildungsbegleitend u. a. aus Mitteln des Aktionsprogramms Ausbildung sichern des Senats unterstützt. 70 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer finden im Anschluss an die Vorbereitung eine Beschäftigung im Gesundheitssektor, 20 % unter ihnen werden von Vivantes direkt in Ausbildung übernommen. Aktuell befinden sich in Berlin 54 Jugendliche über das Tandemmodell allein bei Vivantes in Ausbildung, 14 haben sie bereits abgeschlossen. Das Berliner Netzwerk für Bleiberecht – bridge wird aus Mitteln der EU (ESF Bund) gefördert und aus Landesmitteln kofinanziert.
Zur Umsetzung des Berliner Partizipations- und Integrationsgesetzes wurde von der Vivantes GmbH ein Maßnahmenplan mit folgenden Zielstellungen erarbeitet:
§ entsprechende Anpassung des Unternehmensleitbildes,
§ Erstellung personalpolitischer Grundsätze, welche u. a. auch die Integration von
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund berücksichtigen,
§ Einbindung dieser Grundsätze in die Führungsgrundsätze des Konzerns,
§ Betriebsvereinbarung „Partnerschaftlicher Umgang“ ,
§ Engagement für die Charta der Vielfalt sowie Erstunterzeichnung der Urkunde,
§ Überarbeitung der Karriereseiten des Unternehmens im Internet unter angemessener
Berücksichtigung der Förderung von Frauen, Schwerbehinderten, Migrantinnen und
Migranten,
§ entsprechende Gestaltung der Stellenanzeigen mit Hinweisen auf die Vivantes
Diversity-Politik,
§ Berücksichtigung der Fragen kultureller Vielfalt in den Vivantes Bildungsangeboten,
§ Berücksichtigung der Grundsätze bei den Angeboten des Institutes für berufliche
Bildung im Gesundheitswesen (IbBG).
In Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen und Ärzten und den Pflegekräften der Psychiatrie des Klinikums Am Urban sowie dem Vivantes Institut für Fort- und Weiterbildung wird zurzeit ein Angebot zum Thema Medizin und Pflege im interkulturellen Kontext erstellt. Zielgruppe sind dabei alle klinischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Thema wird regional an allen Standorten angeboten.
Im Rahmen einer Kooperation zwischen dem IbBG und dem Türkischen Bund Deutschland wird eine Fortbildungsreihe für Vivantes Praxisanleiterinnen und Praxisanleiter mit folgenden Themenschwerpunkten durchgeführt:
§ Diversity-Training, Kommunikation,
§ Gesundheit und Krankheit,
§ Konfliktmanagement im interkulturellen Kontext,
§ Bildungs- und Ausbildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund u. v. m.
Ziel dieser Fortbildung ist die Förderung und Unterstützung von Auszubildenden mit Migrationshintergrund. Das Projekt wird im Rahmen des XENOS-Programms „Integration und Vielfalt“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert.
Es wird angestrebt, den Anteil der Ausbildenden mit Migrationshintergrund im IbBG auf 25 % zu steigern. In diesem Zusammenhang besteht eine Kooperation des IbBG mit dem Zentrum für Flüchtlingshilfe und Migrationsdienste und dem Interkulturellen Beratungs- und Begegnungszentrum. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wird ein Praktikum im Pflegebereich, verbunden mit der Möglichkeit einer späteren Ausbildung im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Altenpflege, Kindergesundheits- und -krankenpflege, Sozialassistenz Pflege (ab 01.09.2011), Operationstechnische/r Assisten/in-Ausbildung und Hebammenausbildung angeboten. Während des Praktikums werden Schulungen zu Bewerbungsgesprächen durchgeführt. Im IbBG werden darüber hinaus ausbildungsbegleitend Nachhilfestunden angeboten.
Das IbBG ist im Oktober 2010 mit dem Integrationspreis 2010 des Landesbeirates für Integrations- und Migrationsfragen ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung würdigt das vorbildhafte Engagement bei der Ausbildung und Beschäftigung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund und den Einsatz für Projekte zur Förderung der kulturellen Vielfalt im Unternehmen.
Im Klinikum Neukölln werden ferner innerbetriebliche Fortbildungen zum Thema „Islamische Patienten und deren Bedürfnisse“ angeboten.
Vivantes hat Verträge mit der Türkischen Gemeinde, dem Club Dialog (russischsprachige Jugendliche) und dem Verein Süd Ost Europa Kultur e. V. (Balkanländer, Ex-Jugoslawien) zum Einsatz von Jugendlichen im Freiwilligen Sozialen Jahr.
Insgesamt ist festzustellen, dass Diversity bei Vivantes eine große Rolle spielt. Dies wird u. a. dadurch belegt, dass bei Vivantes aktuell 6,9 % der Beschäftigten einen Migrationshintergrund haben. 922 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stammen aus 91 verschiedenen Geburtsländern.
Im Falle der Charité bilden Fragen der interkulturellen Öffnung von Klinikum und Fakultät einen wichtigen Bestandteil der 2011 verabschiedeten Internationalisierungsstrategie. Über die herkömmlichen internationalen Kooperationen hinaus strebt die Charité eine transnationale Ausrichtung der Berliner Universitätsmedizin mit dem Ziel an, dass sich Studierende sowie wissenschaftliches und medizinisches Personal sicher in unter-schiedlichen kulturellen Kontexten bewegen. Vor diesem Hintergrund hat die Charité im vergangenen Jahr eine Diversity Beauftragte ernannt, die sich u. a. bei der Leitbildentwicklung um die Verankerung der kulturellen Vielfalt in den Kliniken und Forschungsbereichen der Charité einbringt.
In dem von der Charité neu konzeptionierten Modellstudiengang Medizin wird in der Ausbildung der angehenden Ärztinnen und Ärzte besonderer Fokus auf die Kommunikations- und Interaktionskompetenz gelegt, was sowohl den Studentinnen und Studenten als auch den Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund zugute kommt und damit den aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung trägt. Darüber hinaus bietet die Charité den Masterstudiengang „Health and Society: Gender and Diversity Studies“ an, der sich speziell mit dem globalen Gesundheitsmarkt auseinandersetzt. Mit der Ausrichtung der jährlichen European Students Conference fördert die Charité den Austausch zwischen Medizinstudentinnen und Medizinstudenten auf der ganzen Welt.
Die Charité unterhält zusätzlich zu ihrem sehr gut entwickelten Angebot an internationalen Studiengängen mit der Charité International Academy eine Einrichtung, die Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland gezielt auf eine Tätigkeit an einer der Charité-Kliniken vorbereitet und ärztliches Personal der Charité im Gegenzug die interkulturelle Qualifikation für eine medizinische Tätigkeit im Ausland vermittelt.
Die Charité hat das durch die Europäische Kommission geförderte Projekt „International Medical School 2020 – IMS 2020“ initiiert, in dem es um die Internationalisierung von Medizinischen Universitäten und Fakultäten geht. Im Rahmen des Projektes befasst sich eine Arbeitsgruppe – unter der Leitung der Charité – explizit mit „Personaltraining und Management“. Da die Charité eine besondere Expertise zum Thema „Sprachtraining und interkulturelle Sensibilisierung in der Medizin“ vorzuweisen hat, wird die Charité „train the trainer“ Seminare durchführen und dazu beitragen, dass an den internationalen Partnereinrichtungen ähnliche Institutionen wie die Charité International Academy etabliert werden können.
Im Hinblick auf den Umgang mit internationalen Patientinnen und Patienten bietet die Charité Gesundheitsakademie regelmäßig Fortbildungskurse für das medizinische Personal an. Beispiel hierfür ist die Fortbildungsveranstaltung Diversity Management, die die Kommunikationskompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördern und Kenntnisse zum Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG) vermitteln soll. Speziell Hebammen wurden in einer ganztägigen Fortbildung zur interkulturellen Kompetenz im Kreissaal geschult und bzgl. unterschiedlicher Bedürfnisse und Umgangsformen bei der Geburt sensibilisiert.
2. Welche Gremien, Arbeitsgruppen oder Qualitätszirkel innerhalb der Kliniken gibt es, in denen Maßnahmen zur interkulturellen Öffnung diskutiert, initiiert und umgesetzt werden können?
Zu 2.:
Hierzu liegen lediglich Angaben der Vivantes GmbH vor. Grundsätzlich werden danach derartige Fragestellungen im Rahmen des Qualitätsmanagements erörtert. Auch im Rahmen von Chefarztsitzungen, Leitungssitzungen des Pflegedienstes, den Regionalkonferenzen und Praxisanleitersitzungen können Fragen zu interkulturellen Aspekten behandelt werden.
In der Vivantes-Region Nord ist der Bereich Qualitätsmanagement derzeit mit dem Aufbau eines Qualitätszirkels, in dem die benannten Themen aufgearbeitet werden sollen, beschäftigt.
Der Bereich Vivantes International Medicine wurde in den letzten Jahren kontinuierlich entwickelt. So wird von dort nicht nur die Behandlung von internationalen Patientinnen und Patienten organisiert, sondern auch das Education- und Visiting Doctors Program, welches u. a. dem internationalen fachlichen und kulturellen Austausch dient.
In den Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie der Vivantes-Klinikstandorte Neukölln und Am Urban ist ein Arbeitskreis Migration fest institutionalisiert. Im Klinikum Neukölln werden auch regelmäßige Betroffenen- und Angehörigensprechstunden angeboten. In 2009 widmete sich der Tag der Psychiatrie dem Themenschwerpunkt Migration. Des Weiteren gibt es einen Workshop zum Thema „Übersetzen in der Psychiatrie“.
Mit speziellen psychologischen Unterstützungs- und Beratungsangeboten, Angeboten der Sozialberatung und psychosomatischen Behandlungskonzepten richtet sich das Klinikum Am Urban an Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund.
Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Vivantes Pflegestandards auf die Berücksichtigung der individuellen und damit auch kulturellen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten hinweisen.
3. Inwiefern wurden die Erkenntnisse der interkulturellen Öffnung im Rahmen des EU-Projektes „Migrantenfreundliches Krankenhaus“ des Immanuel-Krankenhauses auf andere Klinken in Berlin übertragen?
Zu 3.:
Hierzu liegen dem Senat keine Informationen vor.
4. Welche Informationsangebote und Merkblätter liegen in welchen Sprachen für Migrantinnen und Migranten in den Berliner Kliniken aus, z. B. zur allgemeinen gesundheitlichen Aufklärung, zum Gesundheitssystem, zu chronischen Krankheiten?
Zu 4.:
In einigen Berliner Krankenhäusern stehen den Patientinnen und Patienten fremdsprachliche Informationen zur Verfügung. Eine Übersicht liegt dem Senat nicht vor.
In den Häusern der Charité stehen beispielsweise Materialien für die Themen Diabetes, Neugeborenen-Screening, Neonatologie, Herzoperationen und Blutbank in türkischer Sprache zur Verfügung.
Im Vivantes Projekt Kom-ma (Instrumente zur Arbeitserleichterung in der Kommunikation mit ausländischen Patientinnen und Patienten) werden fremdsprachige Informationsmaterialien, z. B. Aufklärungsbögen für medizinische Untersuchungen in unterschiedlichen Sprachen zur Verfügung gestellt. In einzelnen Vivantes-Klinikstandorten liegen zudem internationale Pflegesprachführer auf den Stationen aus.
Zusätzlich führt Vivantes in einzelnen Klinikstandorten Listen über die Sprachfähigkeiten ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um sie ggf. kurzfristig zur Übersetzung im Rahmen von Gesprächen mit ausländischen Patientinnen und Patienten oder Angehörigen hinzuziehen zu können. Über die Kooperation mit (Gemeinde-)/Dolmetscherdiensten können ebenso im Bedarfsfall Dolmetscherinnen und Dolmetscher für Gespräche hinzugezogen werden.
Der Gemeindedolmetschdienst wird auch von anderen Berliner Krankenhäusern in Anspruch genommen.
Für die kontinuierliche Patientenbefragung gibt es ein Plakat, welches die Fragen in unterschiedlichen Sprachen erläutert.
Des Weiteren werden - falls der Wunsch geäußert wird - beim Vivantes-Speisenangebot kulturelle und religiöse Besonderheiten berücksichtigt.
In einzelnen Vivantes-Klinikstandorten steht für die Ausübung religiöser Bedürfnisse ein Raum der Stille zur Verfügung, welcher von allen Glaubensrichtungen genutzt werden kann. Auf Wunsch werden auch Geistliche verschiedener Religionen gerufen.
5. In welchen Kliniken gab es in den letzten fünf Jahren zu welchen Themen und in welchen Sprachen muttersprachliche Informationsveranstaltungen oder Kooperationen mit Migrantenselbstorganisationen?
7. Welche Kooperationen unterhalten die Kliniken zu Migrantenselbstorganisationen, Selbsthilfegruppen und speziellen Beratungseinrichtungen?
Zu 5. und 7.:
18 Berliner Krankenhäuser haben gemäß Auskunft der Berliner Patientenbeauftragten mit der zentralen Berliner Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle (SEKIS) einen Kooperationsvertrag zur systematischen Zusammenarbeit von Selbsthilfegruppen und Krankenhäusern geschlossen. Diese Kooperationen sehen vor, dass die Krankenhäuser sich verpflichten, definierte Qualitätskriterien verbindlich umzusetzen. Ob zu den kooperierenden Selbsthilfeorganisationen auch Gruppen mit und für Menschen mit Migrationshintergrund gehören, ist nicht bekannt. In den Bezirken mit hohem Migrationsanteil weisen auch die Mitglieder in Gruppen einen entsprechenden Migrantenanteil aus.
In einigen Krankenhäusern z. B. der Charité fanden Informationsveranstaltungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit u. a. den Einrichtungen „Björn-Schulz-Stiftung“ und „Lebenshilfe“ zu Themen z. B. Trauerarbeit und Umgang mit muslimischen Patientinnen und Patienten statt. Beide Einrichtungen haben bereits Projekte zur Interkulturellen Öffnung durchgeführt.
Die Charité ist Partner im S.I.G.N.A.L.-Projekt, das sich für Frauen einsetzt, die Opfer häuslicher Gewalt wurden und sich in verschiedenen Sprachen auch an Frauen mit Migrationshintergrund wendet. In diesem Zusammenhang engagiert sich die Charité bei der Fortbildungskonzeption und -umsetzung für das ärztliche Personal.
Die Initiative „Beende Dein Schweigen… nicht Dein Leben“ zur Suizidprävention für Frauen speziell mit türkischem Migrationshintergrund hat eine Telefonhotline eingerichtet und bietet sofortige professionelle Beratung und Unterstützung durch Psychologinnen der Charité.
Regelmäßig und mit großer Resonanz können Kinder ihre Stofftiere in der Teddyklinik der Charité „untersuchen“ lassen. Auf spielerische Weise soll den Kindern die Angst vor Ärztinnen und Ärzten und den Krankenhäusern genommen werden. Insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund finden so einen leichten Zugang zum Gesundheitswesen.
In der Region Nord wie auch im Klinikum Am Urban der Vivantes GmbH wird mit der türkischen Gemeinde eine enge Zusammenarbeit gepflegt.
Kooperationsbeziehungen existieren des Weiteren mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (Region Nord), dem Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste und dem AKARSU e.V. (Klinikum Am Urban).
Im Vivantes-Klinikum Am Urban werden für den Bereich der Gynäkologie / Geburtshilfe Fortbildungen für Pflegende im Umgang mit Migrantinnen und Migranten, Diabetes-Fortbildungen in türkischer und arabischer Sprache sowie Fortbildungsveranstaltungen der Türkischen Gemeinde (z. B. für pflegende Angehörige) angeboten. Darüber hinaus fanden zwei Veranstaltungen zum Thema transkulturelle Psychiatrie statt. Auch über die aktive Teilnahme am Arbeitskreis „Migration und Gesundheit“ werden Fortbildungsveranstaltungen organisiert, um mit Migrantenorganisationen in Kontakt zu kommen. Im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema „Tod und Trauer im Krankenhaus aus Sicht verschiedener Religionen“ referierten Geistliche christlichen, muslimischen, buddhistischen und jüdischen Glaubens.
Im Rahmen von Kooperationen mit Schulen und Hochschulen werden Praktikumsplätze bereit gestellt. Für Schulklassen mit hohem Anteil an Migrantinnen und Migranten werden Krankenhausführungen durchgeführt (Zukunftsbau, „Berlin braucht Dich“ etc.).
In der Vivantes-Klinik für Psychiatrie des Klinikums Neukölln wurde eine Informationsveranstaltung zum Thema „Chancen der Vielfalt“ angeboten. Fortbildungen bezüglich interkultureller Kompetenzen werden regelmäßig durchgeführt.
Im Auguste-Viktoria-Klinikum der Vivantes GmbH kooperiert der Sozialdienst mit verschiedenen Organisationen, welche auf die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund eingestellt sind. Dazu gehören beispielsweise der Weiße Ring, das Tauwerk und die Berliner AIDS-Hilfe.
Bei Vermittlung von häuslichen Pflegediensten wird nach Möglichkeit eine Einrichtung angesprochen, welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen, die die Muttersprache des Patienten beherrschen.
Auch die Informationen über die Möglichkeiten einer Anschlussheilbehandlung liegen in unterschiedlichen Sprachen vor.
Im Übrigen wird auf die in der Antwort zu Frage Nr. 1 genannten Kooperationen verwiesen.
6. Welche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner (z. B. Patientenfürsprecherinnen und -fürsprecher) stehen Migrantinnen und Migranten in welchen Sprachen und in welchem Zeitumfang in den Kliniken zur Verfügung?
Zu 6.:
In den Vivantes-Klinikstandorten sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher sprachlicher, kultureller und religiöser Herkunft beschäftigt. Darüber hinaus stehen Vivantes-Patientenfürsprecherinnen und -sprecher auch den Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund zur Verfügung (s. hierzu auch Antworten zu den Fragen 3 und 4).
Auch die Seelsorgerinnen und Seelsorger stellen Kontakte zu den unterschiedlichsten religiösen Würdenträgern her.
Die Klinik für Gynäkologie des Klinikums Am Urban hat einen Arzt zum Migrationsbeauftragten ernannt.
8. Wie stellt der Senat insbesondere hinsichtlich sprachlicher Barrieren sicher, dass Migrantinnen und Migranten in gleichem Maße wie einheimische Patientinnen und Patienten Versorgungsangebote der Berliner Kliniken in Anspruch nehmen bzw. in gleichem Maße davon profitieren können , im Bereich
- Sozialberatung
- Psychologische Unterstützung und Beratung
- Psychosomatische Behandlungskonzepte
- Rehabilitationsmaßnahmen?
Zu 8.:
Der Senat finanziert seit 2007 die Regiestelle des Gemeindedolmetschdienstes. Informationen dazu finden sich in den Antworten zu den Kleinen Anfragen Drs. Nr. 16/14385, 16/14392 und 16/15316. Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage Nr. 1. verwiesen.
Mit der Etablierung des Zentrums für interkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Supervision (ZIPP) stellt sich die Charité hinsichtlich folgender Inhalte den gesellschaftlichen Herausforderungen, die aus der zunehmenden Globalisierung und Migration entstehen:
1. Interdisziplinäre, interkulturelle Forschungsgruppe
Die Forschungsgruppe besteht aus Ethnologen/innen, Psychologen/innen, Kulturwissenschaftlern/innen und Psychiatern/innen aus diversen kulturellen Kontexten. Ein besonderer Forschungsschwerpunkt erforscht den Umgang mit psychischen Störungen in verschiedenen Heilungskulturen und geht der Frage nach, wie dieses Wissen als Ressource in Ansätze einer transkulturellen Praxis einfließen kann.
2. Ethnopsychiatrische Ambulanz
Die interkulturellen Behandlungsansätze basieren auf ethnopsychiatrischen/ ethnopsychoanalytischen Konzepten. Das interdisziplinäre Behandlungsteam besteht aus Psychiatern/innen, Psychologen/innen, Ethnologen/innen und Sozialwissenschaftlern/innen unterschiedlicher Herkunft sowie Dolmetschern/innen als Sprach- und Kulturmittler. Das Ziel ist die Integration von Patientinnen und Patienten aus diversen kulturellen Kontexten in die Regelversorgung und die interkulturelle Öffnung durch Kultursensitivität und
-kompetenz, die Bildung multikultureller Behandlungsteams, der Einsatz von Sprach- und Kulturmediatoren/innen, die Kooperation mit Migrantengruppen sowie die Verbesserung mehrsprachiger Information über das Versorgungssystem ebenso wie die Notwendigkeit der Fort- und Weiterbildung auf diesem Gebiet.
3. Weiterbildung und Supervision
Dieser Bereich dient zur Weitergabe von Kompetenzen und Erkenntnissen aus der interdisziplinären Forschung und transkulturellen Praxis. Zu diesem Zweck wurde in Kooperation mit dem Bereich Kulturelle Psychologie der FU Berlin die ‚Akademie für Interkulturelle Supervision, Weiterbildung und Forschung‘ gegründet, die ebenfalls unter dem Dach der Charité beheimatet ist.
Mit der Vietnam-Ambulanz wird an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Kooperation mit der Deutsch-Vietnamesischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychologische Medizin erstmalig eine ambulante muttersprachlich vietnamesische Beratung angeboten. Spezielle Zielgruppe dieser Ambulanz sind Menschen mit einem vietnamesischsprachigen Hintergrund, insbesondere solche mit noch nicht ausreichenden deutschen Sprachkenntnissen oder Berührungsängsten mit dem deutschen Psychiatriesystem. Das Angebot umfasst dabei psychosoziale Beratung, Vermittlung von Kontaktadressen und eine ausführliche vietnamesisch-kultursensitive Diagnostik und Behandlung aller psychiatrischen Erkrankungen.
9. Welchen Handlungsbedarf sieht der Berliner Senat bei der interkulturellen Öffnung der Kliniken?
Zu 9.:
Angesichts der Tatsache, dass Menschen mit Migrationshintergrund 25,7% der Berliner Bevölkerung ausmachen, müssen sich die Krankenhäuser wie alle Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge angemessen auf eine zunehmende Vielfalt unter ihren Patientinnen und Patienten einstellen. Das bedeutet auch, dass Krankenhäuser damit rechnen müssen, dass Patientinnen und Patienten nicht in jedem Falle problemlos mit dem Krankenhauspersonal kommunizieren können und teilweise auch andere Vorstellungen über Krankheit und Gesundheit mitbringen. Der Senat sieht daher bei den Krankenhäusern in Berlin Handlungsbedarf in Bezug auf eine interkulturelle Öffnung als Element der Qualitäts- und Organisationsentwicklung, wie es z. B. der bundesweite „Arbeitskreis Migration und öffentliche Gesundheit“ empfiehlt.
(nachzulesen unter http://www.bundesregierung.de/nn_774/Content/-DE/Artikel/IB/Artikel/Themen/Gesellschaft/Gesundheit/2009-09-01-empfehlungen-arbeitskreis-gesundheit.html )