1. Welche Erkenntnisse hat der Senat darüber, dass ältere Zuwanderinnen und Zuwanderer auf Grund von Erkrankungen häufiger als Menschen ohne Migrationshintergrund in die Frühverrentung gehen?
Zu 1.:
Angaben zu den Rentenzugängen wegen verminderter Erwerbsfähigkeit beziehen sich auf die jährlich veröffentlichten Daten der Rentenzugangsstatistik der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV). Hinsichtlich des betroffenen Personenkreises und deren Herkunft werden nur die Merkmale Deutsche und Ausländer/-innen berücksichtigt. Angaben zum Migrationshintergrund (z. B. Spätaussiedler/-innen, Einbürgerungen) sind nicht Bestandteil der Auswertungen.
Am 31.12.2007 waren in Berlin 73.443 Personen (64.631 Deutsche und 8.812 Ausländer/-innen) gesundheitsbedingt frühberentet. Das war innerhalb der deutschen Population der bis dahin niedrigste Stand. Auch bei den Ausländern/-innen setzte sich der seit Anfang der neunziger Jahre zu beobachtende Rückgang des Rentenbestandes infolge verminderter Erwerbsfähigkeit weiter fort.
Bezogen auf die Rentenzugänge wurden im Jahr 2007 6.401 Personen aus Berlin (3.170 weiblichen, 3.231 männlichen Geschlechts) frühberentet. Der Staatsangehörigkeit nach waren 5.603 Deutsche (86 mehr als im Vorjahr) und 798 Ausländer/-innen (63 weniger als 2006).
Die Entwicklung der jährlich neu bewilligten Frühberentungen ist in Berlin von einem starken Rückgang geprägt. Das trifft auf Frauen und Männer, Deutsche und Ausländer/-innen gleichermaßen zu. Bezogen auf je 100.000 aktiv Versicherte ging die Frühberentungsrate seit Mitte der neunziger Jahre bei den ausländischen Frauen um 64 % und damit etwas stärker als bei den deutschen Frauen (minus 56 %) zurück. Und auch bei den ausländischen Männern war der Rückgang mit minus 60 % etwas intensiver als bei den deutschen (minus 57 %).
Während das gesundheitsbedingte Frühberentungsrisiko der unter 45-Jährigen sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern innerhalb der ausländischen Population in den letzten fünf Jahren noch über 25 % unter dem der deutschen lag, verzeichneten über 45-jährige Ausländerinnen und Ausländer gegenüber deutschen Frauen und Männern höhere Zugangsraten. Bei den 45- bis unter 55-Jährigen lag diese z. B. bei den Ausländerinnen ca. 50 % über der der deutschen Frauen. Im Gegensatz dazu hatten gleichaltrige ausländische Männer gegenüber deutschen einen, im Durchschnitt gesehen, um 10 % höher liegenden Wert. Besonders gravierend waren die Unterschiede jedoch bei den 55- bis unter 65-Jährigen. Innerhalb dieser Altersgruppe hatten Ausländerinnen gegenüber deutschen Frauen ein um zwei Drittel und Männer ein um 58 % höher liegendes Risiko einer gesundheitsbedingten Frühberentung. Aussagen zu Ursachen (z. B. Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und gesundheitsbedingten Frühberentungen), der bei den ausländischen Frauen und Männern in den höheren Altersgruppen gegenüber der deutschen Population zu beobachtenden höher liegenden Frühberentungsraten, können anhand des vorliegenden Datenmaterials nicht abgeleitet werden.
Die zeitliche Entwicklung der Rentenzugänge wegen verminderter Erwerbsfähigkeit ist beiliegender Anlage zu entnehmen. Umfangreiche Informationen zur Thematik können zudem dem
Basisbericht 2006/2007 - Daten des Gesundheits- und Sozialwesens - der Gesundheitsberichterstattung Berlin - im Kapitel 3 „Gesundheitszustand der Bevölkerung“, S. 109 - 114 (Text) und S. 202 - 215 (Tabellen) entnommen werden.
2. Worin liegen die Ursachen dieser häufigeren Frühverrentung?
Zu 2.:
Die Ursachen, die zu einer Frühberentung führen, sind vielfältig und haben sich im Laufe der Jahre stark verändert. Früher häufig genannte Berentungsgründe wie Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystem, die fast immer mit einem höheren Ausländeranteil infolge schwerer körperlicher und niedriger qualifizierten Arbeiten assoziiert wurden, verlieren zunehmend an Bedeutung. Seit Jahren sind psychische Erkrankungen der Hauptgrund für eine Frühberentung. Ausländische Frauen haben ein besonders hohes Risiko, infolge einer psychischen und Verhaltensstörung frühberentet zu werden. Im Jahr 2007 gingen in Berlin 236 (bzw. 59 %) aller Neuberentungen bei Ausländerinnen auf derartige Störungen zurück. Hingegen lag der Anteil bei den deutschen Frauen (1.234 Frühberentungen) zehn Prozentpunkte darunter. An zweiter Stelle (9 %) folgten bei den Ausländerinnen Frühberentungen infolge von Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems (Deutsche: 12 %). Während bei den deutschen Frauen Krebs mit 13 % den zweiten Rang des Berentungsspektrums einnahm, lag dessen Anteil bei Ausländerinnen mit knapp 7 % deutlich darunter. Auffällig war der hohe Anteil (knapp 9 %) der bei Ausländerinnen wegen unspezifischer Symptome genehmigten Frühberentungen. Mit einem Anteil von knapp 3 % spielten diese bei den deutschen Frauen eine eher untergeordnete Rolle. Auch bei den Männern führten Berentungen wegen verminderter Erwerbsfähigkeit, die auf psychische und Verhaltensstörungen zurückzuführen sind, das Spektrum der Berentungsgründe an. Dies traf auf Ausländer (2007: 155 bzw. 39 %) und Deutsche (1.099, ebenfalls 39 %) gleichermaßen zu. Mit je 13 % waren Erkrankungen des Kreislaufsystems die zweithäufigste Berentungsursache. Während bösartige Neubildungen mit einem Anteil von 13 % bei den deutschen Männern Rang drei belegten, stellten bei den ausländischen Männern unspezifische Symptome (12 %) die dritthäufigste Berentungsursache (versus deutsche Männer 3 %).
Weitere ausführliche Informationen zu den Frühberentungsursachen siehe
Basisbericht 2006/2007 S. 109 - 113 (Text) und S. 213 - 215 (Tabellen).
3. Welche Präventionsmaßnahmen für die Zielgruppe der älteren Migrantinnen und Migranten gibt es?
Zu 3.:
Präventionsmaßnahmen für ältere Menschen sind in aller Regel der Sekundär- und Tertiärprävention zuzuordnen. Sie zielen darüber hinaus im Wesentlichen darauf ab, möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dies beinhaltet z. B. sowohl die Teilhabe am sozialen Leben als auch das Leben in der eigenen Wohnung, ferner die Beratung und Unterstützung von Angehörigen. Gesundheitliche Schwerpunktthemen sind die gerontopsychiatrische Versorgung, Demenzerkrankungen, zunehmend aber auch Ernährung und Bewegung. Alle Dienstleistungen rund ums Altern werden in Berlin durch die
Koordinierungsstellen rund ums Alter gebündelt.
Die Ziele sind:
- Realisierung des Selbstbestimmungsrechtes älterer, behinderter und pflegebedürftiger Menschen (Verbraucherschutz)
- Entlastung von (pflegenden) Angehörigen
- Erhalt, Förderung, Wiederherstellung selbstständigen Wohnens und selbstständiger Haushaltsführung
- Vermeidung unerwünschter Heimunterbringung
- Erleichterung und Ermöglichung von ambulanter Hilfe und Pflege/ Reduzierung von Hilfe- und Pflegebedarf
- Schaffung von barrierefreiem Wohnraum
- Unfallprävention
- Verknüpfung und Verzahnung von Helfersystemen
Zahlreiche Informationen rund ums Alter werden in den Sprachen türkisch, russisch und teilweise auch serbokroatisch angeboten. Diese Informationen finden sich ebenfalls auf der Website der Koordinierungsstellen rund ums Alter. Auch in der Handreichung
„Ältere Migrantinnen und Migranten in Berlin“, die gemeinsam vom Caritasverband für das Erzbistum Berlin und der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg erstellt wurde, ist eine Auswahl an Ansprechpartnern und Anlaufstellen, die ihre Angebote auf die Zielgruppe der älteren Migrantinnen und Migranten ausgerichtet haben, zusammengestellt.
4. Welche Erkenntnisse liegen dem Senat vor, wie sich die Gesundheitssituation älterer Zuwanderinnen und Zuwanderer von Menschen ohne Migrationshintergrund unterscheidet?
Zu 4.:
Die derzeit zur Verfügung stehenden Datenquellen, die Aussagen zur gesundheitlichen Lage der in Berlin lebenden Personen mit Migrationshintergrund zulassen, sind sehr begrenzt. Wesentliche Gründe dafür sind, dass sich die Angaben zum Gesundheitszustand der Bevölkerung überwiegend auf das Datenmaterial der amtlichen Statistiken wie Bevölkerungsstatistik, Todesursachenstatistik, Schwerbehindertenstatistik und Statistiken der Deutschen Rentenversicherung stützen. Die genannten Datenquellen liefern hinsichtlich der Identifikation eines Migrationshintergrundes aber lediglich Angaben zur Staatsangehörigkeit (Merkmal: deutsch / nichtdeutsch). Eine der wichtigsten Informationsquellen zur Beschreibung der Morbidität, die Krankenhausdiagnosestatistik, enthält überhaupt kein entsprechendes Merkmal. Dies trifft auch auf die Statistik der Pflegebedürftigen zu.
Damit werden hinsichtlich einer migrationsbezogenen Gesundheitsstatistik Aussagen zu der gesundheitlichen Situation von in Berlin lebenden Migrantinnen und Migranten - schätzungsweise hat jede vierte in Berlin lebende Person einen Migrationshintergrund - erheblich erschwert. Zur Beschreibung des Gesundheitszustandes von Personen mit Migrationshintergrund verfügt Berlin zwar im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung über ausführliche Daten der jährlich durchgeführten Einschulungsuntersuchungen (
aktuelle Veröffentlichung 2008), diese Auswertungen sind jedoch nur auf eine begrenzte Altersgruppe fokussiert. Migrationsbezogene Daten zur Gesundheit und zum Gesundheitsverhalten von älteren Kindern gibt es lediglich noch im Rahmen von Surveydaten (z. B.
HBSC-Studie (2008).
5. Welche Schlüsse zieht der Senat aus der unterschiedlichen gesundheitlichen Situation?
Zu 5.:
Auch wenn es nur wenige Daten über den Gesundheitszustand von Migrantinnen und Migranten gibt, und daher keine Aussagen darüber getroffen werden können, ob und inwiefern es einen Unterschied im Gesundheitszustand von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gibt, ist anzunehmen, dass auch in Berlin für ältere Migrantinnen und Migranten vor allem eine Zugangsproblematik zu Angeboten der gesundheitlichen Versorgung und Prävention besteht. Gründe dafür sind zum einen in ihrer Zugehörigkeit zu mehrheitlich einkommensschwachen und bildungsfernen Gruppen zu suchen, zum anderen aber auch in einer alterspezifischen Hinwendung zu vertrauten kulturell bedingten Verhaltensmustern und unter Umständen auch dem Verlust an erworbenen Sprachkenntnissen. Der Senat sieht in der interkulturellen Öffnung der vielfältigen Angebote zu Gesundheit im Alter und der Altenhilfe eine gute Methode, auch älteren Migrantinnen und Migranten die für sie geeignete Unterstützung zu gewähren.
6. Wie bewertet der Senat, die ambulante Versorgung älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte?
7. Wie hoch schätzt der Senat die Anzahl von älteren Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die immobil und auf eine ambulante Versorgung angewiesen sind, ein?
Zu 6. und 7.:
Dazu liegen dem Senat keine Informationen vor.