15.10.2008
Anleger klingeln Sturm bei Beratern
Verbraucherzentrale fordert in Finanzkrise mehr Personal / Anzahl der Anfragen verdreifacht
Von Bernd Kammer (Neues Deutschland)
Bei der Verbraucherzentrale (VZ) Berlin laufen in diesen Tagen die Telefone heiß. Mit der Finanzmarktkrise haben sich die Anfragen verdreifacht. Nutzten vorher wöchentlich etwa 15 Bürger das telefonische Beratungsangebot, sind es jetzt 45, die in den drei Stunden jeweils dienstags und donnerstags durchkommen. Viele bleiben in der Warteschleife hängen. Außerdem werden täglich etwa zehn Mails und Briefe von den Finanzberatern beantwortet.
Wobei das Plural-Wort »Finanzberater« etwas übertrieben ist. Denn konkret ist es nur einer, plus eine halbe Honorarkraft. Mehr ist bei der gegenwärtigen Finanzausstattung der VZ nicht drin. »1995 hatten wir noch doppelt so viele Mittel wie jetzt«, so der VZ-Chef Jürgen Keßler. Damals standen den Kunden noch fünf Finanzberater zur Verfügung. Seitdem seien die Mittel so gekürzt worden, dass man dem dringenden Beratungsbedarf der Berliner auch nicht annähernd gerecht werden könne. Derzeit stehen der VZ jährlich 718 000 Euro aus Landesmitteln zur Verfügung. Laut Keßler brauche man mindestens noch 75 000 Euro, um weitere eineinhalb Stellen finanzieren zu können.
Keßler fordert deshalb neben der konzertierten Aktion der Staatengemeinschaft zur Sicherung des Finanzsystems auch eine »konzertierte Aktion zur Sicherung der Verbraucherberatung«. Er sieht dafür nicht nur Bund und Länder in der Pflicht, sondern auch die Banken. »Wir müssen vorsorgend tätig werden, dafür sollten auch die zahlen, die von den Anlagen, die sie verkaufen, profitieren.« Keßler schwebt eine bankenunabhängige Beratung vor, die aber durch die Kreditinstitute umlagefinanziert wird. Derzeit sei das System Anlageberatung der Banken noch fehlgesteuert: Empfohlen würden vor allem die Fonds und Anlagen, an denen man selbst beteiligt sei oder Provision kassiere.
Ob die Verbraucherzentrale mehr Mittel erhält, entscheidet vermutlich noch diese Woche das Abgeordnetenhaus. Die Grünen haben einen entsprechenden Antrag eingebracht. Möglicherweise kommt es zu einem gemeinsamen Antrag mit den Koalitionsfraktionen. Der Senat soll zudem die Banken auffordern, sich an der Finanzierung einer unabhängigen Finanzberatung zu beteiligen. Die Senatsverwaltung für Verbraucherschutz will zwar nicht die jährlich 718 000 Euro für die VZ erhöhen, aber für fünf Jahre festschreiben.
»Das gibt es für keinen anderen Zuwendungsempfänger und schafft Planungssicherheit«, so Staatssekretär Benjamin Hoff (LINKE). Mehr Mittel sollen den Verbraucherschützern dadurch zur Verfügung stehen, dass sie künftig 50 Prozent ihrer erwirtschafteten Mehreinnahmen selbst verwenden können. Bisher wurden diese komplett von der Zuwendungssumme abgezogen. Außerdem sollen sie die Einnahmen, die sie im Jahr nicht verbrauchen, behalten können und nicht an den Landeshaushalt zurückführen müssen. Derzeit seien das 135 000 Euro. »Diese Summe könnte die Verbraucherzentrale jetzt einsetzen für die schnelle Beratung der Anleger«, so Hoff.
Und rasche Hilfe tut not. »In fünf bis sechs Wochen kann vieles zu spät sein«, warnt Keßler. »Wenn die Leute das Vertrauen in ihre private Altersvorsorge verlieren, hat der Staat ein Problem. Wer soll dann noch darin investieren?! Die Leute wollen wissen, worauf sie sich einlassen«, meint der VZ-Chef.