02.01.2007
"Ein spannendes Ressort"
Benjamin Hoff ist mit 30 Jahren Stellvertreter der neuen Gesundheitssenatorin Lompscher geworden
Von Joachim Fahrun
Che Guevara macht mal nicht Revolution, sondern spielt ganz entspannt Golf. Dieses Lieblingsfoto hat Berlins jüngster Staatssekretär Benjamin Hoff von seinem alten Job bei der PDS-Bundestagsfraktion mitgenommen in sein neues Büro in der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz.
Che beim bürgerlichsten aller Sport-Vergnügen: Dieses ironische Verhältnis zu linken Ikonen ist bezeichnend für die Haltung des frisch gebackenen Doktors der Sozialwissenschaften. Der 30-Jährige ist links, aber er ist auch unglaublich bürgerlich und seriös, wenn er im dreiteiligen grauen Wollanzug in seinem neuen Büro der leisen klassischen Musik aus seinem Laptop lauscht. Konkrete Fragen einer "urbanen Klientel" will er beantworten. Die anarchische Kultur etwa der Grünen ist ihm ein Gräuel. Hoff ist ein Kind der DDR-Kulturelite, über das mit 13 die neue bundesrepublikanische Zeit hereinbrach.
"Ich bin in einem geilen, spannenden Ressort", sagt heute der junge Mann, der bereits elf Jahre für seine Partei im Berliner Abgeordnetenhaus saß. Dort leistete er zeitweise ein Mammut-Pensum von fünf Ausschüssen und zwei Sprecher-Funktionen, bis er vor der letzten Wahl keine Lust mehr auf Landespolitik hatte.
Hoff weiß, wie sehr ein Job mit großem Beamtenapparat, Dienstwagen-Benutzungsrecht und breitem Schreibtisch Wertmaßstäbe und Charakter auch der größten Idealisten verändern kann. Das macht ihm ein bisschen Sorge. Viele auch in seiner Partei haben sich gefragt, warum der Wissenschaftspolitiker, der "magna cum laude" über den deutschen Föderalismus promovierte, sich nun ausgerechnet die Themen Gesundheit, Verbraucherschutz und Umwelt vornehmen soll. Hoff gesteht, er habe vor allem vor dem Gesundheitsthema mächtigen Bammel gehabt. Er schlafe immer noch schlecht vor wichtigen Treffen. Umwelt und Verbraucherschutz habe er sich ja zugetraut. Als dann das Ressort um Gesundheit ergänzt wurde, habe er schon absagen wollen. Aber die rot-rote Koalition und vor allem die Senatorin Katrin Lompscher, die ihm den Job angeboten habe, seien ihm "zu wichtig" um zu kneifen. "Ich habe Ehrfurcht vor solch einer Funktion", sagt der Stellvertreter der Senatorin. Seit dem ersten Tag im Amt "mache ich ein Doppelstudium Umwelt und Gesundheit in permanenter Examenssituation", beschreibt der Politiker den Druck. Zumal der Start durch die Diskussionen nach dem Gammelfleisch-Fund vom Großmarkt keineswegs rund verlief.
Aber es hilft Hoff, dass er unglaublich schnell denken, reden, schreiben und Sachverhalte aufnehmen kann. Komplexe Fragestellungen ordnet er auch im Gespräch sofort in "erstens, zweitens, drittens", um seine "Denkwege" zu sortieren. Als guter Sozialwissenschaftler hat er erst mal sämtliche Literaturlisten zu seinen neuen Themen durchforstet und liest jetzt alles, was ihm helfen kann. "Ich lese gern, bleibe gern lange auf und finde mein Büro O.K.", benennt Hoff drei Grundlagen für seine enorme Produktivität. Denn neben seitenlangen Reformpapieren für seine linke Partei hat er promoviert, bei der Bundestagsfraktion Bund und Länder koordiniert, an der Humboldt-Universität unterrichtet, außerdem mit zwei Partnern eine kleine Beratungsfirma aufgezogen. Er hat unter anderem eine Studie über die Funktionsweise von Rechnungshöfen verfasst und dem Parlament von Montenegro geholfen, die Haushaltskontrolle aufzubauen. [...]
Aus der Berliner Morgenpost vom 2. Januar 2007