Benjamin Hoff
07.02.2005

Prof. Nagel: Gebühren - kein Weg zu mehr Qualität


Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau VON BERNHARD NAGEL (Professor für Öffentliches Recht an der Universität Gesamthochschule Kassel):

KEIN WEG ZU MEHR QUALITÄT

Die Effizienz der Hochschulen wird durch Studiengebühren nicht verbessert. Stattdessen dürften sie in Deutschland abschreckend wirken - so wie es in Österreich bereits zu beobachten war.


Was passiert, wenn die Bundesländer - außer Hessen, dessen Verfassung Studiengebühren verbietet - Studiengebühren einführen? Lassen sich viele vom Studium abschrecken? Deutschland könnte sich dies angesichts der im internationalen Vergleich zu niedrigen Studierendenzahlen nicht leisten.

Das Beispiel Österreich - dort wurden im Wintersemester 2001 relativ moderate Studiengebühren von circa 726 Euro jährlich eingeführt - deutet darauf hin, dass es zu einer Abschreckung kommen kann. Die Zahl der Studierenden an Universitäten und Kunsthochschulen ging dort im Wintersemester 2001 gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent zurück, die der Ersteinschreibungen um 15 Prozent. Davor hatte es drei Jahre lang Steigerungen der Ersteinschreibungen um jeweils etwa acht Prozent gegeben. Der Rückgang bei allen Studierenden um 20 Prozent lässt sich zum großen Teil als Wegfall von "Karteileichen" interpretieren, der Rückgang von 15 Prozent bei den Ersteinschreibungen nicht. Bis heute wurde die Höhe der inländischen Ersteinschreibungen aus dem Jahr vor Einführung der Studiengebühren nicht wieder erreicht.

Wo sind die fehlenden Studienbewerber geblieben? Nach Deutschland sind sie nicht "ausgewandert"; wie Zahlen belegen. Ein Teil könnte in das System der Berufsausbildung gegangen sein, das in Österreich ähnlich attraktiv wie in Deutschland ist. Ein Teil derer, die neben dem Beruf studieren, könnte Lehrveranstaltungen besuchen, ohne sich zu immatrikulieren. Ein Teil dürfte direkt in den Beruf gegangen sein. Da den Armen die Studiengebühren erlassen werden, konzentriert sich der Rückgang auf die Mittelschichten.

In den USA würden Studiengebühren in der Höhe der österreichischen vermutlich niemanden vom Studium abschrecken. Die Studierenden an den Eliteuniversitäten zahlen dort bis zu 30 000 Dollar jährlich. Die Gebührenschraube wird jedes Jahr weiter angezogen. Die meisten
weniger gut betuchten Studierenden werden, wenn sie überhaupt studieren, auf die Community Colleges mit nur zweijährigen Ausbildungsgängen abgedrängt. Besser sind die Chancen für die, welche eines der zahlreichen Stipendien erhalten. Für Hochbegabte ist das amerikanische System sehr durchlässig, für andere kaum. Viele Studierende in den USA sind bereit, sich hoch zu verschulden, wenn ihnen das Geld fürs Studium fehlt. Sie hoffen darauf, die Schulden später mit einem hohen Einkommen abtragen zu können. Dass die Lage für die Mittelschichten aber langsam dramatisch wird, zeigt die Kündigung des Nasa-Direktors Ende letzten Jahres. Er nahm die besser dotierte Stelle eines Universitätspräsidenten an, um das Studium seiner Kinder finanzieren zu können.

In Deutschland dürften Studiengebühren ähnlich abschreckend wie in Österreich wirken. Ein breit verankertes Stipendienangebot wie in den USA ist hierzulande kurzfristig nicht zu erwarten. Das private Bankgewerbe wird nicht von sich aus auf die Idee kommen, Kredite anzubieten. Kredite für "Humankapitalinvestitionen" sind riskant, weil es für die Bank nicht die üblichen Sicherheiten gibt. Bei Krediten und Stipendien müsste wie beim Bafög der Staat einspringen. Es ist aber nicht zu erwarten, dass der Bund den Ländern zu Hilfe eilen wird.

Wahrscheinlich führen Studiengebühren auch in Deutschland nicht zu zusätzlichen Finanzmitteln für die Hochschulen. Entweder gehen sie wie bisher in Österreich sofort in den allgemeinen Haushalt ein oder man belässt sie den Hochschulen und fährt die Zuweisungen an sie allmählich zurück. Derartige Erfahrungen wurden in Österreich, England, den Niederlanden, Australien und Neuseeland gemacht. Unwahrscheinlich ist, dass durch Studiengebühren die Qualität des Studiums und die Effizienz der Hochschulen verbessert werden. Da die meisten Studierenden kein Bafög erhalten, haben sie nicht die finanziellen Möglichkeiten, fern von ihrem Heimatort zu studieren. Sie können bei einer Verschlechterung der Lehre nicht glaubwürdig mit einer Abwanderung an bessere Hochschulen drohen. Es ist allenfalls zu erwarten, dass die Öffentlichkeit mehr als bisher auf die Qualität des Studiums achtet, wie überhaupt Öffentlichkeit und nicht die Einführung von Studiengebühren der Schlüssel dafür ist, Effizienzmängel der Hochschulen abzustellen.

URL: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=622687
Erscheinungsdatum 26.01.2005


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